Video Teil 2

 An der Dresdner Hochschule für Bildende Künste begann ich 1972 ein dreijähriges Abend-Studium in Malerei und Grafik.

 Mein neues Leben erfüllte mich. Die Kunst war wieder mein Spiegel und durch sie lernte ich ein weiteres Maß. Ich beschritt mit der Kunstausbildung endlich einen Weg in die Freiheit.

 

Ich spreche jetzt von unserer Dresdner Künstler-Gruppe: Rolf Lattner, Werner Karsch, Monika Maria Nowak von 1972 bis 1980.

 Mit Werner Karsch absolvierte ich die Kunst-Ausbildung bei der Malerin Ursula Rzodeczko und dem Grafiker Bruno Conrad.

 Mein Freund Rolf Lattner kam als Denker und Ethiker zu uns. Damit hatte ich einen Bruder im Geiste an meiner Seite.

Unsere intensiven, aber auch kontroverseren Gespräche, die hauptsächlich von den Herrn geführt wurden, drehten sich um Zustandsanalysen von Kulturpolitik, von sozialistischer Kunst und um das Leben in der DDR. Resultat dieser kritischen Betrachtungen war, dass wir einen ethischen Anspruch aufstellten.

Wir wollten ehrliche Kunst schaffen.

Eine Künstler-Karriere, so wie sie vom Staat vorgegeben wurde, lehnten wir ab.

Ebenso lehnten wir eine Zusammenarbeit mit anderen Künstlern ab und wollten auch nicht im Westen ausstellen.

Aus unserem Anliegen, mit Kunst direkt zu kommunizieren und sie vom intellektuellen Podest zu holen, formte sich ein langjähriges Projekt der Sozialen Kunst.

Die Idee war, Kunst als soziales Mittel und ohne parteiliche Kontrolle bzw. Vermittlung einzusetzen.

Das heisst, wir bestimmen den Umgang mit Kunst.

Dadurch bekamen wir Schwierigkeiten mit der Macht.

Mehr oder weniger waren alle Menschen von der Staatsmacht abhängig- denn wir lebten in einer Diktatur.

 

In Dresden-Striesen fanden wir eine Kirchgemeinde als Partnerin für unser Mammutprojekt, das über die Jahre von 1979 - 1988 veranstaltet wurde und in seiner Art einmalig war.

In der Kirche fanden jährliche Kunstaktionen statt, mit denen für inländische und ausländische soziale Anliegen Gelder gesammelt wurden.

An den Kunstaktionen, die unterschiedlich thematisch gestaltet waren, beteiligten sich viele unangepasste Bürger und Künstler der DDR.

1979 begannen wir mit einer finanziellen Unterstützung des Frauen- und Mädchenheimes in Berthelsdorf bei Herrnhut.

Zusätzlich gestalteten wir für den Gemeinschaftsraum ein grossformatiges Bild.

Die Frauen entschieden sich für meinen Entwurf.

Über die Kunstaktionen gaben Werner Karsch und Christopf Münchow 2015 einen Dokumentations-Katalog heraus:

Der heisst:„Kunst verändert - Kunstaktionen in der Dresdner Versöhnungskirche 1979 bis 1988“.

Die Dokumentation der Aktionen befindet sich im Dresdner Stadtmuseum.

 

Ich werde mich in den späteren Videos auf diese Zeit beziehen, denn es formten sich hier die ersten Ansätze einer Sozialen Plastik mit interdisziplinärem sozialen Anliegen. Was wir damals nicht so nannten.

Unter dem Schutz der Gruppe suchte ich meinen gestalterischen Ausdruck und die schonungslosen Kritiken meiner Freunde leiteten mich zu einem feinen, differenzierten Denken.

Zurückblickend erlebte ich mit keinen weiteren Künstlern ähnlich intensive Diskussionen.

 

In den Dresdner Jahren bis 1980 musste ich mich unterschiedlichen Erfahrungen stellen.

Ich wurde schwanger und gebar 1974 einen Sohn.

Dieses Ereignis veränderte mein persönliches Leben.

Zuerst wirkte sich die Mutterschaft auf meinen Alltag aus. Ich bekam eine mir unbekannte Rolle zugewiesen und versuchte ihrem Druck zu entkommen.

Meine Ambition, Kunst zu machen, wurde von den Familien zwar hingenommen, aber man verstand mein Handeln nicht, dass ich eine Arbeit anstrebte, mit der ich kein Geld verdienen wollte.

Gut war, dass ich als Atelier eine gesperrte Dachwohnung in der Görlitzer Strasse in Dresden-Nord bekam. Hier konnte ich arbeiten und verkaufte auch einige Bilder über die Kunst-Genossenschaft.

Sonst verdiente ich mein Geld in einem Kinderheim in Dresden-Nord, wohin ich meinen Sohn in die Kita gab.

Im Kinder-Heim verwirklichte ich meinen ersten sozialen Ansatz.

Zusätzlich zur Arbeit malte ich grossflächige Bilder für die Aufenthalts-Zimmer der Kinder, gestaltete Spielzeug und strich Kindermöbel an.

Danach arbeitete ich als Honorar-Handwerker bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Mein Kollege waren der Altmeister Krasselt und unser Chef der Architekt Ulrich Aust.

In den Kunstsammlungen sah ich alle Ausstellungen und hatte Gelegenheit, mich mit einigen Werken intensiver zu beschäftigen.

Wir Maler halfen auch beim Ausstellungs-Aufbau im Albertinum.

 

Mein emotionales Erlebnis, schwanger zu sein, war eine überwältigende Grund-Erfahrung.

Ich war Medium einer Naturerfahrung, die von keinen ästhetischen, philosophischen und religiösen Zielen übertroffen werden konnte.

Alle Kunstziele, die um mich herum geschaffen waren, verschwanden plötzlich als Kopfkonstrukt.

Eine Schöpfungs-Erfahrung wurde von meiner Umgebung weder als Wunder noch als bedeutsam angesehen.

 

Es meldeten sich bei mir Probleme.

Sicherlich war meine Schwangerschaft auch ein Auslöser dafür, dass meine Trenn-Traumata aus dem Unbewussten wirkten.

Alte, abgespaltene Teile überschwemmten mich. Ich begab mich in Therapie. Das war dringend und gut.

Hier lernte ich u.a. eine einfache Meditationstechnik wie Autogenes Training.

 

Meine Ehe war eine komplizierte Geschichte. Mein Mann entzog sich unserem Familien-Leben. Er studierte im Fernstudium medizinische Kybernetik und war beruflich außerhalb von Dresden an Kliniken beschäftigt. Mein Mann wollte in der Medizin Karriere machen und übte Druck auf mich aus. Mein Lebensstil passte nicht zu seinen Vorstellungen.

Ich sollte wie er, eine Karriere anstreben, denn nur eine Anerkennung vom Berufsverband oder ein Hochschul-Studium erlaubten es mir, Künstlerin zu sein.

Ich kam seinem Druck nach, wollte endlich in Ruhe meinen Zielen nachgehen.

Mit Werner Karsch bewarb ich mich um ein Fernstudium in Krakow. Wir hatten zwar die Zusage der Hochschule, aber keine Devisen um sie zu bezahlen.

Unser Bemühen um eine finanzielle Unterstützung der Stadt Dresden wurde als weiterer Affront gegen Alles gewertet.

Wir waren kindlich frech, sonst hätten wir diese Reaktion voraussehen müssen.

Danach bewarben wir uns in Berlin-Weissensee an der Kunsthochschule.

Werners Studienzulassung annullierte die Schule nach einigen Tagen rückwirkend schriftlich.

Ich wurde abgelehnt.

 

Da ich 27 Jahre alt war, wollte ich nicht länger studieren, denn zu dieser Zeit beschäftigte ich mich schon mit einem gewaltlosen Bild.

Es ging mir nicht nur darum, eine Formsprache zu ergründen, sondern ich hoffte über diese, meine emotionale und geistige Heimat zu finden.

Sie verbarg sich im Nichtbenannten, im Dubiosen.

 

Ich brauchte noch einige weitere Wege-Entscheidungen mit anstrengenden und gefährlichen Wege-Abschnitten, bis ich später zu einer weiblich gegründeten Kunst fand.

Damit wechselte ich von einer realistisch dualen Bildgestaltung zu einer abstrakten Gestaltung von emotionalen Prozessen.

 

Mein Freund Rolf Lattner begeisterte mich für die Schriften Albert Schweitzers. Besonders berührten mich seine Kulturkritik, seine Ethik und die vergleichenden Betrachtungen von Buddhismus und Christentum.

Zen-Buddhistische Literatur öffnete mir Blicke für neue Lebenssichten, die ich mit dem Wunder, Medium einer Schöpfung zu sein, verband.

Bisher wandte ich mich einem destruktiv patriarchalen Geist zu, unter dem ich meine Bildinhalte mit Leiderfahrungen gestaltete.

Ich fing an, alle intellektuellen Vorstellungen ganz und gar infrage zu stellen.

 

Und es kamen Fragen beim Malen, wie z.B.: wieso stelle ich als Frau Leiderfahrungen unter einem männlichen Geist dar?

Was ist ein weiblicher Geist?

Und, wie sieht ein weibliches Bild ohne Leid und Gewalt aus?

Eine gewisse spirituelle Bildung wurde auch damals über gestalterische Grundlagen vermittelt; z.B.: was bedeuten Sicht-Interpretationen bei einer dualen Trennung in Objekt und Subjekt mit einem Dazwischen-Sein?

Wie wird eine Mehrdimensionalität in die Gestaltung einbezogen?

Oder: wie bewege ich mich zeichnerisch in einem Raum?

Was ist ein weicher Blick?

 

Hierzu einige Erlebnisse meiner Prozesserfahrungen:

1 - Ich arbeitete an einem Selbstbildnis. Es stellte einen depressiven Zustand dar. Plötzlich kam die Frage, was mache ich hier?

Der momentane Schaffensprozess zeigte sich deutlich separat.

Es war eine Linie, die von meinen Gedanken im Kopf zu meiner Seele im Leib über die Hand zum Bild führte. Einzeln schaute ich mir die Orte an.

Woher kamen die Gedanken, die meine Seele ins Bild mitnahmen?

Und, ich kam darauf, dass hinter meinen Gedanken, die mit seelischer Unterstützung und gestalterischem Willen mich zum Tun brachten, ein gewaltvoller Geist mit Gewalt-Erfahrungen stand.

Diesen Geist wollte ich nicht weiter gestalten.

 

2 - Ich stellte wiederholt fest, dass der Prozess von „mich vom Objekt berühren zu lassen“ über mein Empfinden bis zum Formen des Bildes - hier ein Stilleben, spannend war. Dieser emotionale Prozess interessierte mich immer mehr. Ist er doch ein grundlegender Kreativ-Prozess.

 

3 - Auf dem Heimweg, nach einem anstrengenden Aktzeichnen, sah ich plötzlich ein geistiges Bild mit Zackenmuster.

Gleichzeitig kamen die Fragen, warum muss ich mich mit einem Akt quälen, wenn es doch wie in Afrika einfach mit Zacken geht.

Aber, wie wahrhaft zeichne ich Zacken? Diesen Weg wusste ich nicht.

Ich fasse meine energetischen Lebens-Stationen zusammen: Ich hatte zwei intensive energetische Phasen.

Die erste begann in der Kindheit mit einer starken inneren Bindung zu meiner Wurzel. Diese Bindung löste ich

gezwungenermassen nach und nach bis hin zu meinem Ich-Verlust in der Pubertät.

Das war ein absoluter und brutaler Schnitt vom Urgrund und fast allen realen Bindungen.

  

Ab meinem Lebensabschnitt in der DDR 1964 richtete ich meine Kraft und Aufmerksamkeit nur nach äusseren Zielen.

Das umfasst die Zeit bis zum 30. Jahr.

In dieser Zeit traf ich grundlegende Entscheidungen für den weiteren Lebensweg.

Eine Entscheidung war: Ich lebte in der DDR und wollte in keinem anderen Land leben.

Ich sah den Sozialismus immer noch als eine neue soziale Gesellschaft, die ich mit anderen Gruppen positiv unterstützen und verändern wollte.

Eine weitere Entscheidung traf ich, indem ich mich einer Elite-Zugehörigkeit verweigerte.

Ich wollte mich keiner allmächtigen Partei, keinem patriarchalen Gedankengut mit diktatorischen Leitungen und Hierarchien unterordnen.

Und ein intuitiver Wunsch kam hinzu: Ich lebe im Verbund mit Frauen, um meine weibliche Substanz auszuleben und um eine weibliche Lebensform zu ergründen.

 

Um 1980 vollzogen sich im Land Veränderungen. Neben politischen und wirtschaftlichen Ereignissen, die von den Instanzen schwer regulierbar waren, schien das Land in einem Stillstand zu ersticken.

Damit kam ich wieder an meine persönlichen Grenzen.

Ein geistig einengendes Leben in Dresden sowie in der DDR und mein depressiv aussichtsloser Zustand wiesen mir mein Ende.

Meine Situation liess mir auch jetzt keine Wahl, ich stand erneut vor einem Entweder-Oder.

Ich wusste über Lehrwege und Lehrpfade durch den Leib in hohe Luftebenen.

Die aber waren für mich mit patriarchaler Macht und Gewalt besetzt.

Ein möglicher lebenserhaltender spiritueller Weg, schien mir durch den Leib in die Erde zu führen.

Ich entschied mich intuitiv für das tiefe Ungewisse und fing an, in meinen Leib zu meditieren.

 

Mit Hilfe der Lebensenergie, entlang an ihrem inneren Strang, meditierte ich Schritt für Schritt durch den Leib in die Erde.

Dafür gab es kein begleitendes Wissen und keinen Schutz.

 

weiterlesen: Teil 3